Was prägt Deine Empathie?
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Wie viel Empathie gönnst Du Dir?

Wir sind uns einig: Führung sollte empathisch sein, oder?
Gerne belassen wir es bei dieser Betrachtung und denken vor allem daran, dass die Führungskraft ihren Mitarbeitenden empathisch begegnen sollte. Doch Empathie gilt auch für die Führungkraft im Umgang mit sich selbst. Ich möchte sogar sagen, dass die Qualität des empathischen Umgangs mit sich selbst ein Indikator für die eigene Empathiefähigkeit ist. –

Übertrieben?

Nun, nicht selten höre ich von Führungskräften, dass es ihnen z. B. sehr wichtig sei, eine gesunde Fehlerkultur in ihrem Team oder ihrer Abteilung zu haben. Gleichzeitig sind sie bei mir im Coaching, weil sie sich selbst als perfektionistisch bezeichnen und dafür oft über ihre eigenen Grenzen gehen.

Auf den ersten Blick schließt sich das vielleicht gar nicht aus. Doch dazu ein Beispiel: Die Führungskraft beschreibt wie eine Mitarbeitende manchmal die Vorbereitung für Meetings unvollständig macht und in den Besprechungen dann jeweils wichtige Details fehlen. Zugegeben, wirklich ärgerlich. Ergänzend erzählt die Führungskraft dann, dass sie dies (natürlich) nicht ständig bemängelt, da sie ja keine Erbsenzählerin sein möchte. Doch insgeheim, so wird in unserem Gespräch mehr und mehr deutlich, findet sie es ziemlich dumm von der Mitarbeitenden, sich hier nicht anders aufzustellen. Begründet wird dies mit der persönlichen Haltung: „Ich würde ja alles dafür tun, diesen Fehler nie mehr zu begehen!“.

Eine Situation, die nach allen Regeln der Kunst doppelbödig ist: Offiziell wird das Verhalten der Mitarbeitenden nicht wirklich kritisiert, doch inoffiziell versteht die Führungskraft ihre Mitarbeitende nicht und bewertet diese ausgesprochen nachteilig.

Wie das kommt? Nun, wenn Du an Dich den Anspruch hast, alles genau und perfekt zu machen, Dir viel Mühe mit den Details gibst und auch schon mal über die Zeit- und Kraftgrenze dafür gehst, hältst Du Deinen Anspruch für normal. Es gehört sich eben, alles perfekt zu machen – so hast Du es gelernt, so sollte es (für jeden Menschen) gelten.

Weil dieser Anspruch so selbstverständlich für Dich ist, erwähnst Du ihn in Deinen Erwartungen an z.B. Deine Mitarbeitenden nicht, sondern wunderst Dich zuerst, wenn sie mit einem anderen Maß messen, dann ärgerst Du Dich und dann verurteilst Du Dein Gegenüber.
Obwohl Du offiziell eine wohlwollende Fehlerkultur leben möchtest, gelingt es Dir in den Zwischentönen nicht, weil Du selber mit Deinem eigenen Perfektionismus keinen wohlwollenden Umgang pflegst.

Dieses Beispiel ist übertragbar für Deinen Umgang mit Überstunden und Krankheitstagen – Du bist einfach nicht krank und bleibst, bis die Arbeit fertig ist, Sport kann warten. Für Deinen Anspruch an Pausenzeiten und Urlaub – Du isst eben schnell und nicht selten vor dem Bildschirm und irgendwie kann man Dein Engagement für Dein Unternehmen auch daran ablesen, dass Du immer noch fast alle Urlaubstage am Ende des dritten Quartals hast. Für Deine Idee zu Deiner persönlichen Erreichbarkeit, für Deinen kleiner werdenden Freundeskreis….Ohne Empathie für Dich selbst verlierst Du den Bezug zu Dir, Deinem Körper und Deiner mentalen Kraft. Dies drückt über kurz oder lang im Umgang mit Deinen Kollegen und Mitarbeitenden, Dein Umfeld aus.

Wenn Du denkst, Dir passiert es nicht, wirst Du überrascht sein, wenn Du genauer hinschaust. Wir schließen allzu gerne von uns auf Andere und erwarten selbstverständlich von unserem Umfeld, was wir von uns selber erwarten. Empathisch mit Dir umzugehen ist eben kein übertriebenes Tütü, es ist nicht in erster Linie der Job Anderer, sondern ganz und gar Deiner! Das wusste sogar schon die Bibel: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.
Wie ernst nimmst Du Dich? Wie wichtig bist Du Dir? Gehst Du empathisch mit Dir um?